Station E

AKO

Audiobeitrag und textile Installation von Nina Lyne Gangl

„Ako“ bedeutet im Vorarlberger Dialekt „Angekommen sein“ – als Zustand, sowie „Ankommen” – als ständiger Prozess. Ausgehend von dieser Doppel-Bedeutung, und inspiriert durch persönliche Prozesse des Ankommens, erschuf die Künstlerin die hier zu sehende textile Installation sowie die Audio-Collage.

Foto by Nina Lyne Gangl

AKO
BIN I AKO ?
ODA BIN I
NO AM WEAG ?
ich leg mich in
deine weichheit
atme dein grün
bin nicht sicher
ob ich angekommen
bin
doch hier ist es gut
hier ist es schön
wir ruhen uns aus
bevor wir weiterziehn
es muss nicht perfekt sein
um gut zu sein.
die wünsche sind groß
mal sind sie klein.
und ich bin mir gut genug.
mit meinen ängsten
meiner wut
leg mich rein in deinen schoß
leg mich in ein meer aus moos

nina Lyne gangl

Foto: Nina Lyne Gangl

Audio Collage: Nina Lyne Gangl Juni 2021

Textile Installation: „AKO“-Gedicht, Acrylfarbe auf historischem Leinen, Nina Lyne Gangl 2021 (Leinen: Angebaut und gewebt vor ca. 100 Jahren von den Ururgroßeltern der Kinder der Künstlerin)

Nina Lyne Gangl arbeitet mit Schichten und Geschichten – sie verwandelt in ihren Prozessen Altes in Neues und liebt es dabei GeSchichten miteinzuweben. Vom Großvater ihres Mannes erfuhr sie von den letzten Metern des alten Leinens, welches von seinen Vorfahren angebaut und gewebt wurde. Aus diesem alten Gewebe, das noch dazu Teil der Familiengeschichte ihres Mannes und ihrer Kinder ist, erschuf sie die textile Installation AKO. Auch die Macher:innen des Leinenstoffes sind erst im Laufe ihres Lebens nach Vorarlberg gezogen – das „Ako“ ist also Teil des Gewebes.

Wann „bin i ako“? Wann bin ich angekommen, an einem Ort, bei mir? Oder besteht das Leben aus vielen Momenten des immer wieder Ankommens?

Im August 2019 bin ich mit meinem Mann und unseren 2 Kindern von Wien nach Dornbirn gezogen. Immer wieder fragte man mich: „Und, Bisch guat ako?“ (Hast du dich schon gut eingelebt – bist du gut angekommen?) „Ja“, antwortete ich meistens. Ich habe mich hier sehr schnell wohl und zu Hause gefühlt. Mir gefiel die Einfachheit des Wortes – A K O – zwei Vokale, die offen klingen. Mit Blick auf den herbstlich, goldig-grün schimmernden Fallenberg (in Dornbirn) kam mir eine Melodie in den Sinn. „Ako, bin i Ako, oder bin i no am weag?” (Ankommen, bin ich angekommen, oder bin ich noch am weg?)

„Wo ist mein Platz?“, das frage ich mich schon immer. Ich bin in meinem Leben oft umgezogen und bin auch weit gereist. Und egal wo ich war, ob in der Südsteiermark oder im Süden von Mexiko, suchte ich letztendlich immer einen mir behaglichen Ort auf, wo ich für eine Weile bleiben konnte. Letztlich ist auch das „Ich“ ein Ort, an dem ich ankommen kann – bzw. ist es wohl ein Prozess. Ein Prozess des immer wieder Ankommens, bei und mit sich, an einem Ort, in einem Tag, in einer neuen Rolle (z.B. als Mama), ankommen in einem Gefüge mit anderen Menschen. Ankommen kann heißen „sich wohl zu fühlen“.

Orte an denen „i ako ka“ – (ich ankommen kann), sind oft Orte in der Natur*. Kurz bevor ich mich hingesetzt habe um diesen Text zu schreiben, war ich mit meinen Kindern wieder mal am Fischbach, gleich in der Nähe unserer Wohnung in Dornbirn. Dort habe ich vor einem Monat auch einige Tonspuren für die Audio-Collage aufgenommen. Wenn wir den steinigen Weg Richtung Wald laufen, hören wir schon den kleinen Wasserfall, und auch wenn die Straße nur 20 Meter entfernt ist, ist hier eine eigene kleine Welt. Wir können barfuß durch das kniehohe Wasser spazieren, von Stein zu Stein balancieren, Wasseramseln und Libellen beobachten. Es ist ein Ort wo es reicht einfach da zu sein. Dort fühle ich mich auch als Mama angekommen – dort ist es ganz einfach mit den Kindern zu sein, und dort kann ich auch „Kind sein“: über Steine balancieren und durchs kalte Wasser wandern.

Ganz oft sind es Orte an der frischen Luft, wo es große alte (Laub)Bäume gibt, fließendes Wasser, und jede Menge Tiere und Getier, an denen in mir dieses Gefühl des AKO entsteht. Dort kann ich mich in „den Schoß der Erde“ legen, ins Moos, und ankommen, immer wieder für einen Moment.

 

*und zum Schluss noch etwas zum „Natur“-Begriff:

„Natur – ein Wort, das man am liebsten in Anführungszeichen setzen möchte. Der Begriff ist so vage wie der bezeichnete Gegenstand ungreifbar. „Nature isn`t real, nature is reality“, deutete der Philosoph Timothy Morton, die Angelegenheit, wobei der Begriff „Realität“ die Sache auch nicht einfacher macht.“(Visions of Nature, Ausstellungskatalog der gleichnamigen Ausstellung im Kunsthaus Wien, S.10)

Natur im Kontext dieses Textes bedeutet für mich: Unter Bäumen, im Wald, ein Ort ohne Teer und Beton. Wobei im weitesten Sinne natürlich alles Natur ist, ich eingeschlossen. Zur Kulturgeschichte des Naturbezugs schreibt Ursula Seghezzi ausführlich in ihrem Buch „Vom Zauber Naturmystik und der Dringlichkeit dem Leben zu dienen“ erschienen im Van Eck Verlag.

Nina Lyne Gangl, Juni 2021

Herzlichen Dank an den Paten dieser Station:

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